Das mit dem RAW… und ob es Sinn macht. Und wann. Und welches.

In der Fotografie schon lange nicht mehr weg zu denken, ist RAW im bewegten Bild immer noch in Frage gestellt. Ungewissheit, Datenflut usw. bewegen meistens dazu, sich für ein komprimiertes Fileformat zu entscheiden. In letzter Zeit häufen sich die Anfragen nach dem Drehen in RAW Qualität allerdings wieder.
Als die ersten Kameras am Markt waren die das konnten, war der Hype schon mal da. Dann verschwand er wider. Heute gibts nun aber Leute die damit Erfahrung haben, die Rechner wurden schneller und immer mehr Kameras und externe Recorder sind vorhanden die RAW als Verkaufsargument nutzen.
Werden wir nun doch noch mehr damit zu tun haben in nächster Zeit?
Diese Frage kann ich nicht beantworten, aber diverse RAW Aufträge in letzter Zeit haben doch auch einige Gründe ans Licht gebracht, warum es vielleicht doch Sinn machen kann, oder eben nicht.

Hier eine Momentaufnahme mit Pro und Contra aus den letzten Projekten welche helfen können, eine Entscheidung zu treffen.

Vorteile von RAW Daten:

  • Zukunftssicher

    RAW ist die „unbehandelte“ Information die der Sensor „sieht“ und abspeichert (im nichtsichtbaren Bereich evtl. komprimiert). Die Mathematischen Algorithmen, welche aus diesen Daten Bilder machen (z.B. ProRes) werden laufend verbessert. Wer also „für die Zukunft“ dreht und in ein paar Jahren vielleicht von moderneren Codecs Gebrauch machen will, hat mit RAW die besten Voraussetzungen. Langzeitprojekte werden heute deshalb oft auch auf analogem Film gedreht da dessen Weiterverarbeitung (Digitalisierung) ebenfalls sehr ähnlich wie der RAW Workflow aus der Kamera ausgeführt wird.

  • Frames per Second

    Da die Kamera mit RAW keine wirkliche Codierung vornehmen muss, kann sie die Daten schneller verarbeiten und auf die Speicherkarte schreiben. Das heisst bei diversen Kamerasystemen darum auch, dass sie in RAW mehr Frames per Second (fps) bei hoher Qualität drehen können als z.B. mit ProRes oder XAVC.

  • Dynamik und Farben

    Der Dynamische Umfang (Blendendstufen) ist grundsätzlich mit RAW minim besser als mit komprimierten Formaten. Hoch aufgelöst kann in Low- und Highlight Bereichen etwas mehr Umfang beobachtet werden. Je nach RAW Fileformat (12-Bit oder 16-Bit) sind aber massiv mehr Farben verfügbar als z.B. mit 10-Bit XAVC oder ProRes. Ein 16-Bit RAW (Sony) speichert 16x mehr Farben ab als ein 12-Bit ProRes 4444 (was übrigens mehr ist als das menschliche Auge/Hirn sieht) und das ohne Komprimierungsartefakte.

  • Weissabgleich / Empfindlichkeit / Farbraum

    Weissabgleich, Empfindlichkeit (ISO) und Farbräume werden erst im Debayerprozess (Vorgang der aus dem RAW Bilder herstellt) in ein Bild eingerechnet. Das heisst wir haben auch nach dem Dreh die volle Kontrolle darüber. Drehe ich also z.B. im Studio schon mal vorab eine aufwändige VFX Einstellung, kann ich dieses später besser an andere Bilder anpassen.

 

Nachteile von RAW Daten:

  • Datenflut

    Grundsätzlich kann man davon ausgehen, dass RAW ca. 3x mehr Daten produziert als ein gutes 12-Bit 444 Fileformat. Das bedeutet zum einen für den DIT wie auch für die Postproduktion, viel Planung und Wissen damit am Dreh und in der Nachbearbeitung alles sauber läuft.

  • Zeit

    Die grosse Datenmenge bedeutet auch, dass Kopiervorgänge und Rechenvorgänge (Dailies usw.) mehr Zeit beanspruchen. RAW drehen bedeutet meist, Geduld zu haben und wer auf schnelle Verarbeitungen angewiesen ist, muss sich das gut überlegen. Auch sehr gute IT-Infrastruktur wird hier noch nicht immer zufriedenstellende Resultate hervor bringen.

  • Planung und Disziplin

    RAW drehen sollte eigentlich Cast und Crew wieder mehr an Zeiten analoger Filmdrehs erinnern. Gut geplante Drehabläufe und Disziplin am Set reduzieren die Datenflut massiv. Jede Sekunde Footage die nicht gedreht wird reduziert den Aufwand und spart somit Geld. Spontan Aktionen und „laufen lassen“ sind sicher nicht ideal für Projekte in RAW.

  • Know How

    Die Verarbeitung und erstellen von Workflows für RAW Daten sind mit jedem Projekt/Kunde individuell. Es bleiben entweder viel Zeit in einen Lern- und Testprozess zu investieren oder sich die Leute/Firmen zu holen, die Erfahrung damit haben. Falsche Vorgehensweisen enden sehr schnell in Zeit- und Geldverlust!

  • Kosten

    Alle hier nun aufgelisteten Nachteile haben schlussendlich auch Auswirkungen auf das Budget. RAW drehen kostet sowohl bei der Ausrüstung des DIT am Set wie auch in der Nachbearbeitung in der Postproduktion mehr da diese auf hochwertige IT-Infrastruktur angewiesen sind. Mit einer langsameren Infrastruktur wird mehr Zeit für die Arbeitsschritte benötigt… kostet auch wieder Geld.

Man kann also nicht einfach so sagen, RAW ist „einfach besser“ oder ist „total unnötig“. Jedes Projekt ist so individuell als das es eben auch auf diese Entscheidung hin individuell betrachtet werden muss. Alle Vorteile von RAW müssen gegenüber den Mehrkosten und dem Aufwand abgewogen werden um eine gute Entscheidung zu treffen.

 

Visuell aufwändige Projekte (viel VFX oder starke Farbbearbeitung) oder Projekte die über mehrere Jahre in die Zukunft geplant werden, sind gute Kandidaten für RAW Workflows. Es müssen längere Verarbeitungszeiten eingeplant werden und die oben genannten Vorteile müssen der Produktion Mehrkosten Wert sein.

 

Wenn RAW, welches ?

Die Entscheidung, RAW Ja oder Nein, an sich ist schon so eine Sache. Hat man sich dafür entscheiden bleibt noch offen welcher Hersteller der richtige ist. Alle gängigen Anbieter von professionellen Systemen bieten mittlerweile RAW Optionen an. Eine kleine Übersicht:

ARRI RAW 12-Bit

Die Alexa kann Standart nur mit einem externen Recorder RAW drehen. Einzig die Alexa XT schafft das mit den Codex Speicherkarten intern. In 16:9 oder 4:3 ohne Veränderung der Sensorgrösse schafft sie 2.8K Auflösung und max. 120fps (16:9). Die Alexa XT kann „Opengate“ betrieben werden. Das bedeutet der Sensor wird voll ausgenutzt und bringt somit 3.4K bis 75fps. In diesem Modus muss aber die grössere Sensorfläche berücksichtig werden und vor allem ältere Linsen schaffen diesen Bildkreis nicht immer!
Die Codex Speicherkarten haben eine Grösse von 512GB (480GB nutzbar) und schaffen so ca. 45min. mit 2.8K @ 25pfs in 19:9 RAW. Die 12-Bit Farbtiefe bringt gegenüber dem 4444 ProRes (auch 12-Bit) keinen Vorteil, die Auflösung in Opengate 3.4K ist aber nur in RAW möglich (ProRes bis 3.2K @ 30fps mit SUP11 möglich). Das ARRI RAW Format ist „öffentlich“ zugänglich für Entwickler. Das bedeutet sicher dass es für die Zukunft ein sehr guter Partner sein kann. Link zu Arri RAW Workflow.

Sony RAW 16-Bit

Die Sony PMW-F5 und F55 mit dem modularen Recorder AXS-R5 schaffen bis zu 4K RAW @ 60fps. Die Sony F65 währe in dieser Hinsicht auch zu erwähnen. Diese ist wohl nach wie vor momentan das stärkste „RAW Monster“ am Markt. Leider ist diese Kamera aber in der Realität fast nicht vorhanden und somit nicht wirklich eine Option.
Die Kompakte und leichte Bauweise der F5/F55 mit dem Recorder sind eine gute ergonomische und günstige Lösung. Auch im RAW Modus bleibt die Sensorgrösse immer gleich und ab 60fps schaltet die Kamera auf 2K Auflösung um. Ab dann sind mit der F5 bis zu 120fps möglich, mit der F55 bis 240fps. Die Speicherkarten gibt es in diversen Grössen bis 1TB und z.B. auf eine 512GB Karte passen 64 min. in 4K RAW @ 25fps. Sony hat im Moment sicher am meisten „RAW Power“ am Markt.
Link zu RAW Workflow von Sony.

RED RAW (?)

Auch RED spricht bei ihrem Footage von RAW. Ob das wirklich als RAW bezeichnet werden kann ist so eine Sache. Wie bei vielem rückt RED nicht mit genauen Daten heraus. So auch z.b. bei der Farbtiefe kommuniziert RED „12-16 Bit“. Man vermutet aber das es sich auf 12-Bit Farbtiefe reduziert. Weiter ist jedes .r3d File komprimiert und hat ähnliche Strukturen wie ein normal komprimiertes File. Ein cleverer Codec der auf variabler Bitrate basiert, macht aber die Vorzüge von RAW Aufnahmen zugänglich. Es empfiehlt sich mit Red auf jeden Fall auf 3:1 bis 8:1 Komprimierung zu drehen. Alles andere ist dann wirklich sichtbar komprimiert und hat mit den Vorzügen von RAW an sich nichts mehr zu tun. Doch kann ich aber auch bei stark komprimierten Aufnahmen (bis 18:1) noch selber Farbabgleich, ISO und Farbraum bestimmen nach dem Dreh. Mit 5K 16:9 in 8:1 Komprimierung (maximum) @ 25fps sind z.B. 18 min. auf einer 64GB Karte möglich. Das alles macht die Kamera zum einen zu einem starken und leistungsfähigen Gerät, andererseits aber ist es eine sehr undurchsichtige Sache und in der Branche herrscht darum viel Unsicherheit hierzu was wann nun wann genug und richtig ist. Diese Unsicherheit macht es nicht einfach zu sagen ob RED der richtige Partner für einen RAW Workflow ist, da man eben nicht so genau weiss was man nun wirklich bekommt und was die Zukunft bringt. Link zu RED Workflow.

Blackmagic RAW 12-Bit

Auch die Blackmagic Poket, Produktion und Ursa Kamera machen internes 12-Bit RAW im Cinema DNG Format bis 4K. Sicher sind das am Markt zur Zeit die günstigsten Kameras welche RAW drehen können. Allerdings kämpfen die Kameras grundsätzlich mit qualitativen Problemen. Vor allem im low-light Bereich sind Farbsäume und Noise an der Tagesordnung. Ebenfalls macht die Kamera zwar 12 Blenden Dynamikumfang gemäss Handbuch, für einen RAW Workflow ist das aber zu wenig. Man muss auch hier im Kopf haben dass die kleine und günstige Kamera in RAW genau gleich viele Daten produziert wie eine Alexa, RED oder Sony. Der Workflow ist also hier auch nicht zu unterschätzen. Bleibt die Frage ob es Sinn macht, den grossen Aufwand und die Kosten zu betreiben um dann doch nicht alle Vorzüge von RAW zur Verfügung zu haben. Mit der Produktion 4K Kamera sind mit DNG RAW @ 25fps ca. 30min. auf einer SSD 240GB möglich. Workflow beschrieb von HURLBLOG.

Weitere Formate

Weitere Kamerasysteme wie z.B. Die Canon C500 bieten auch RAW an, allerdings aber nicht intern. Hierzu müssen externe Recorder separat angeschlossen werden. Codexdigital oder Convergent Design sind zwei Marken die solche Recorder anbieten.
Dieses Kombinationen können gute und günstige Lösungen sein. Allerdings können zusätzliche Geräte am Set schnell ärgern. Die Fehlerquelle wird höher da zusätzliche Signalverbindungen und neue Einstellungen und Menüs im Griff behalten werden müssen. Ebenfalls funktioniert das im Studio auf dem Stativ sehr gut, draussen im Schnee mit Handheld wird das aber sehr schnell sehr unpraktisch. Je nach Projekt kann es aber eine Alternative sein damit zu arbeiten.

Fazit:

Je nach Projekt sind die Ansprüche an den RAW Workflow anderst. Man muss sich zuerst Gedanken dazu machen warum man überhaupt RAW drehen will. Sind dieses Punkte geklährt, bleibt es zu definieren welches Kamerasystem meine Anforderungen erfüllen kann. Erst jetzt sind auch Aussagen zu Kosten und Zeitverbrauch möglich. Schlussendlich bleibt nun noch die Entscheidung ob die es die Mehrkosten wert ist und ob das Budget überhaupt „RAW fähig“ ist.
Es ist auch nicht nötig, ein ganzes Projekt durchgängig RAW zu drehen um die Vorzüge z.B. für VFX zu haben. Es kann sich lohnen das Projekt in „RAW Sequenzen“ aufzuteilen und nur die nötigen Einstellungen wirklich so zu drehen. Das ist vielleicht die realistischste Möglichkeit von RAW gebrauch zu machen. Mischen lässt sich das gut mit komprimierten Formaten.

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